| Norddeutsche Rundschau "Dann hätten wir Glück gehabt"

Unternehmensverband Unterelbe-Westküste erkennt Abwärtstrend in der wirtschaftlichen Entwicklung

ITZEHOE Zweimal im Jahr befragt der Unternehmensverband Unterelbe-Westküste (UVUW) seine Mitgliedsunternehmen zu ihrer wirtschaftlichen Situation. Knapp 400 sind es vom Hamburger Umland bis zur dänischen Grenze. Tobias Stegemann sprach mit dem Vorsitzenden Lutz Bitomsky und dem Geschäftsführer Ken Blöcker über den Ist-Zustand und über die Frage, warum die Unternehmen in Steinburg einen Abwärtstrend für 2020 erwarten.

Auslastung und Investitionsbereitschaft bleiben hoch. Die Unternehmen in Steinburg erwarten weiter gute Umsätze. Kurzarbeit ist kein Thema: Aussagen aus der aktuellen Konjunkturumfrage. Zugleich heißt es: Die Auftragslage wird in 2020 sinken. Wie passt das zusammen?

Bitomsky: Auf der Sachebene überhaupt nicht. Auf der emotionalen Ebene sehr wohl.

Das heißt genau?

Bitomsky: Alle Zahlen bewegen sich im Moment auf einem hohen Niveau. Aber emotional glauben die Unternehmen, dass es eher bergab gehen wird. Themen wie der Brexit, der Handelskrieg zwischen China und den USA und die Krise auf dem Automobilsektor werden uns über die Medien täglich vor Augen geführt. Und das wird uns auch hier im Norden irgendwann einholen.

Blöcker: Für mich ist es auch kein Widerspruch. Grundsätzlich sind die Auftragsbücher so voll wie vielleicht noch nie. Das aber sind bereits vorhandene Aufträge, die für eine hohe Auslastung und Investitionen sorgen. Ab dem kommenden Jahr aber werden die Auftragseingänge nicht mehr in dieser großen Dimension stattfinden. Die Auswirkungen zeigen sich dann wahrscheinlich Mitte oder Ende 2020.

Wie viel Psychologie ist bei diesen Prognosen dabei?

Blöcker: Mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland ist diese groß. Die Meldungen in den Medien lassen auch die Unternehmer nicht kalt.

Schon vor einem Jahr war ein Fazit Ihrer Umfrage, dass der Höhenflug in 2019 enden wird. Tritt diese Vorhersage nun im kommenden Jahr ein?

Bitomsky: Das ist zu befürchten. Wir würden uns natürlich freuen, wenn es nicht so kommen würde.

Das Thema Fachkräftemangel spielt dabei eine große Rolle. Arbeiten die Unternehmen von sich aus stark genug dagegen an?

Bitomsky: Es gibt am Markt schlichtweg kaum noch Arbeitskräfte. Es ist also das ureigenste Interesse der Unternehmen, ihre Mitarbeiter zu halten – durch soziale Maßnahmen, die über das gesetzliche Niveau hinausgehen, wie bei der betrieblichen Altersvorsorge.

Blöcker: Bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder flexiblen Arbeitszeiten werden in vielen Betrieben bereits praktikable und arbeitnehmerfreundliche Lösungen gefunden. Aufgrund der Größe der Unternehmen im Kreis Steinburg sind aber beispielsweise eigene Betriebskitas selten umsetzbar. Bei einer flächendeckenden Unternehmensverband Unterelbe-Westküste erkennt Abwärtstrend in der wirtschaftlichen Entwicklung Kita-Versorgung muss der Staat den richtigen Rahmen schaffen. Das macht Regionen für Arbeitnehmer attraktiv.

Was sagt der Unternehmer Lutz Bitomsky dazu?

Bitomsky: Wir versuchen in unserem Unternehmen (Walter Otto Müller, d. Red.) vieles möglich zu machen. Wenn ein Mitarbeiter heute sagt, er kann erst eine Stunde später anfangen zu arbeiten, weil er seine Tochter in die Kita bringen muss, war das früher ein Ausschlusskriterium, um angestellt zu werden. Heute geht das, und er arbeitet eben eine Stunde länger.

Wie sieht es mit der Gewinnung neuer Fachkräfte aus?

Bitomsky: Das wird nur durch Ausbildung gehen. Unser Unternehmen hat seit 2011 zwölf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Fertigung ausgebildet. Ohne diesen Weg hätten wir den Anstieg von Aufträgen nicht bewältigen können.

Blöcker: Entscheidend für Bewerber ist heute verstärkt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das ist laut unserer Umfrage wesentlich wichtiger als zum Beispiel die Vergütung. Dieses Ergebnis hat mich in der Deutlichkeit überrascht.

Was sind die größten Herausforderungen für die Unternehmen in der Region?

Blöcker: Im Arbeitsalltag sind dies Dazu gehören Bürokratie, Datenschutz und der Fachkräftemangel. Und zum ersten Mal seit langer Zeit erwartet eben die Mehrheit der Firmenchefs sinkende Auftragseingänge. Strukturell Die wirtschaftliche Lage für die Unternehmen in Steinburg wird schwieriger, sagen Lutz Bitomsky (l.) und Ken Blöcker. FOTO: MICHAEL RUFF gibt es natürlich noch viel mehr Herausforderungen wie die fehlende A 20 mit westlicher Elbquerung und vielem mehr.

Wie alarmierend sind diese Signale?

Blöcker: Wir sind nicht hochgradig besorgt, dass ein Einbruch vor der Tür steht. Aber so wie es in den vergangenen Jahren gelaufen ist, wird es nicht weitergehen.

Bitomsky: Ich habe von vielen Seiten gehört, dass Unternehmen mit Einbußen von fünfzehn bis zwanzig Prozent rechnen und sich damit auf einem Niveau von 2017 einpendeln. Und das war kein schlechtes Jahr. Wenn das so käme, hätten wir ganz viel Glück gehabt.

Welche positiven Signale nehmen Sie wahr?

Bitomsky: Neben den noch vollen Auftragsbüchern, ist es die Tatsache, dass Kurzarbeit überhaupt kein Thema ist. Es gibt dahingehend aktuell nicht einmal potenzielle Anfragen bei der Arbeitsagentur.

Die Trendwende steht vor der Tür. Das ist eine der Kernaussagen der aktuellen Konjunkturumfrage des Unternehmensverbands Unterelbe-Westküste. Zwar blieben die Auftragseingänge im zweiten Halbjahr 2019 hoch, doch erstmals seit Jahren erwarten die Arbeitgeber im Kreis Steinburg ein sinkendes und kein steigendes Auftragsvolumen. Aktuell bezeichnen mehr als 80 Prozent der befragten Steinburger Unternehmen die Auftragslage als „saisonüblich“ oder „günstig“. Ein Umstand der nach Ansicht der Firmenchefs nicht so bleiben wird. Zudem steigen die Klagen über den Bürokratieaufwand im Jahresvergleich. 73 Prozent der Arbeitgeber im Kreis Steinburg sehen im Bürokratieaufwand ein wirtschaftliches Hemmnis. Vor einem Jahr gaben dies 65 Prozent an. Hierbei nimmt der unverhältnismäßige Aufwand für die Einhaltung der Datenschutzbestimmungen eine gewichtige Rolle ein. Die Situation auf dem Fachkräftemarkt bleibt weiterhin angespannt. Jedes zweite Unternehmen im Kreis Steinburg gibt an, dass die Verfügbarkeit von Fachkräften „mangelhaft“ beziehungsweise „ungenügend“ sei. Zwei von drei Unternehmen geben an, durch den Mangel an Fachkräften in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung massiv behindert zu sein. tst

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